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Hybride Beratungs- und Therapieformen

Infopost, September 2020

Als J. (Name geändert) zu Beginn der Corona-Krise zunächst nur telefonischen Kontakt zu seinem Berater aufnehmen kann, stellt er überrascht fest, „dass das gar nicht so schlimm ist“, wie er zunächst dachte. Manchmal, so sagt er, „kann ich Sachen, die mir total peinlich sind und wo ich mich schäme, sogar am Telefon besser sagen, als wenn ich direkt da bin“. Er lacht dann und sagt, „so langsam habe ich alle Beratungsformen durch“.

J. ist Anfang 20, als er zum ersten Mal Kontakt mit der Jugendberatung hat. Er traut sich nicht, in der Beratungsstelle anzurufen und nutzt zunächst den offenen Chat, der dreimal in der Woche durchgeführt wird, als anonyme Möglichkeit. Nachdem er dort oft Teilnehmer war und gute Erfahrungen gemacht hat, möchte er bestimmte Themen in Einzelgesprächen in den Räumen der Jugendberatungsstelle vertiefen. Er hat Ängste vor Menschen, jahrelanges intensives Mobbing in der Schule erlebt, verschiedene Ausbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen abgebrochen und körperliche Erkrankungen, die vermutlich seelisch bedingt sind. Neben den Einzelgesprächen besucht er parallel auch eine Gruppe, die live in der Jugendberatung durchgeführt wird. Anfangs ist er sehr aufgeregt und kann sich aufgrund seiner alten Erfahrungen kaum äußern. Doch nach einiger Zeit kann er auch diesen Rahmen gut für sich nutzen und macht gute andere Erfahrungen mit jungen Menschen in seinem Alter.

„Dass es die Jugendberatung gibt, hat mir verdammt viel geholfen“, sagt er.


Hybridberatung bei der Bearbeitung von Verlusten und der Begleitung von Übergängen

Vor fünf Jahren, in den Sommerferien, erreichte uns ein verzweifelter, anonymer Anruf eines Mädchens, das gerade seine Eltern verloren hatte und nun zutiefst allein, einsam und traurig war. Nenne wir sie Emma. Ein Hilferuf per Telefon.

Am Ende des Krisentelefonats war klar: Emma brauchte unbedingt Hilfe. Und es war auch klar: Da sie keine Rückrufnummer angegeben hat und auch sonst keine Kontaktmöglichkeit, war es sehr ungewiss, ob wir wieder von ihr hören würden.

Wir haben gehört. Mehrfach. Verzweifelt. Traurig. Wütend. Hoffnungsvoll. Verbittert. Zuversichtlich. Genervt. Fröhlich.

Nach einigen Telefonaten, die häufig mit noch größerer Verzweiflung von Emma endeten, weil sie zu einem Zeitpunkt anrief, als ihre Beraterin gerade im Gespräch und damit für sie nicht erreichbar war, hinterließ sie eine Mailadresse als Kontaktmöglichkeit. Jetzt waren auch Terminabsprachen und eine Information bei kurzfristiger Veränderung möglich.

Mit der Zeit entstand Vertrauen. Stück für Stück. Eine Beziehung. Eine Beziehung, die immer wieder Krisen ausgehalten, gemeistert und zum Wachsen und heilen genutzt hat.

Irgendwann fragte Emma, ob sie ihre Beraterin mal live kennen lernen dürfe. Sie durfte – und es kam nach einem Jahr zur ersten Face-to-face-Beratung.

Dann zog Emma um – es gab dort, wo sie untergekommen war, Schwierigkeiten und sie musste in eine andere Stadt ziehen. Ängste, Trauer, Verlustgefühle – und auch die Sorge, auch in der JB wieder eine Bezugsperson zu verlieren, hatten sie fest im Griff. Bis ihr klar wurde: Sie kann weiter mit ihrer Beraterin und der JB in Kontakt sein. Über das Telefon. Und über die Online-Beratung. Und über den Beratungschat.

Für Emma ein Glücksgriff: Immer wenn sie sich überfordert und überflutet fühlte, konnte sie sich entlasten und tageszeit- und wochentagunabhängig eine Online-Beratungsnachricht schicken – eine Mail über ein gesichertes Portal, die der zuständige Berater dann lesen konnte, wenn es zeitlich passte und bzw. wieder im Dienst war.

Oder Emma kam abends spontan in den Gruppenchat- einfach, um nicht allein zu sein, sich mit anderen auszutauschen, die es auch nicht leicht haben – oder auch um in einer Einzelberatung in einem gesonderten Chatroom etwas Persönliches zu besprechen.

So konnte sich Emma ihre Begleitung und Unterstützung so holen, wie sie es brauchte. Und wir als Beratungsstelle konnten ihr – selbstverständlich auch mit gewissen zeitlichen Begrenzungen – einen verlässlichen Rahmen bieten. Einfach da sein. Zuhören. Auch mal Kritisches ansprechen. Pausen aushalten.

Emma hat die Erfahrung gemacht, dass sie nicht allein ist. Und dass es – hier in der Jugendberatung aber auch in anderen Kontexten ihres Lebens – Menschen gibt, die sie begleiten und mögen. Und die auch Krisen mit ihr aushalten und trotzdem bleiben.

Als es fraglich war, ob die Chatberatung weiter finanziert werde kann, schrieb sie aus eigenem Antrieb an den zuständigen Entscheider einen Brief, in dem sie ein sehr emotionales Plädoyer für den Erhalt des Chats hielt. Auch hier machte sie die Erfahrung, gehört zu werden. Und dass ihre Stimme Gewicht hat.

Als sie an Corona erkrankte und mutterseelenallein 14 Tage in ihrer kleinen Wohnung verbringen musste, waren die Telefonate in die JB ein psychischer Anker, der ihr half, die Zeit zu überstehen.

Heute blicken wir auf fünf Jahre begleitende Jugendberatung zurück.

Waren Urlaubszeiten zuvor Krisenzeiten, kann sie diese Zeit ohne ihre Beraterin nun gut überbrücken – und sogar einen schönen Urlaub wünschen. Es gibt Zeiten, wo es ihr auch mal zu stressig ist, zu telefonieren, so dass sie mehrere Wochen keinen direkten Kontakt mit der JB hat.

Bald wird sie für eine Arbeitsstelle umziehen und dafür in eine neue Stadt und Wohnung ziehen. Als sie das letzte Mail anrief, hatte sie diese Entscheidung schon gefällt und eine Wohnung gefunden.

Übergänge auf Hybridbasis können manchmal einfacher lebbar sein, weil sie wie ein Fluss sich dem Untergrund und dem Wasserzustrom anpassen können.

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